Donnerstag, 12 Oktober 2017 16:32

Ein bisschen Staubsaugervertreter, ein bisschen Arktisforscher…

„Ein Badmintonspieler sollte über die Ausdauer eines Marathonläufers, die Schnelligkeit eines Sprinters, die Sprungkraft eines Hochspringers, die Armkraft eines Speerwerfers, die Schlagstärke eines Schmiedes, die Gewandtheit einer Artistin, die Reaktionsfähigkeit eines Fechters, die Konzentrationsfähigkeit eines Schachspielers, die Menschenkenntnis eines Staubsaugervertreters, die psychische Härte eines Arktisforschers, die Nervenstärke eines Sprengmeisters, die Rücksichtslosigkeit eines Kolonialherren, die Besessenheit eines Bergsteigers sowie über die Intuition und Phantasie eines Künstlers verfügen. Weil diese Eigenschaften so selten in einer Person versammelt sind, gibt es so wenig gute Badmintonspieler.“
Das schrieb Martin Knupp, Referatsleiter des Badminton-Landesverbands Nordrhein-Westfalen, bereits im Jahr 1986 im Yonex-Badminton-Jahrbuch. Treffender lässt sich die schnellste Rückschlag-Sportart der Welt, bei der das Spielgerät auf bis zu 400 Stundenkilometern beschleunigt wird, auch heute - gut 30 Jahre später - noch nicht beschreiben.

 

Als Knupp, der Meister der Badminton-Theorie, seine Ausführungen zu Papier brachte, feierten Monika und Michael Schnurrer den ersten Geburtstag ihrer Tochter Nicole. Daran, dass sie einmal den Weg vom beschaulichen Ruitsch auf dem Maifeld über Kaiserslautern und Mainz nach München in die Zweite Badminton-Bundesliga Süd nehmen würde, dachte damals natürlich niemand.
Nun verfügt Nicole Schnurrer sichtlich weder über die Schlagstärke eines Schmiedes noch über die Armkraft eines Speerwerfers, doch mit purer Willenskraft und der nötigen Leidenschaft für den Sport hat sie für sich das Bestmögliche möglich gemacht. Im Rheinland war sie bereits zu Jugendzeiten keine Unbekannte. Mit sechs Jahren griff sie in der Kindergruppe der TG Polch erstmals zum Schläger - und legte ihn fortan nie mehr zur Seite. „So richtig trainiert habe ich aber erst mit zehn oder elf“, sagt sie bescheiden.
Mit 15 verschlug es sie ans Heinrich-Heine-Gymnasium nach Kaiserslautern. Dort wird ein Schwerpunkt auf Sport gelegt, junge Talente werden schulisch und sportlich gefördert. Später sammelte sie während ihres Lehramts-Studiums in Mainz beim BC Betzdorf und beim BC Remagen Erfahrungen in Ober- und Regionalliga und stand für den BCW Hütschenhausen bereits vor zehn Jahren eine Saison lang in der Zweiten Bundesliga auf dem Court. Seit 2012 dient ihr nun München als Lebensmittelpunkt, dort unterrichtet sie an einem Gymnasium die Fächer Sport, Latein und Ethik.

„Ich bin zwar eigentlich kein Stadtmensch und werde auch nicht für immer hier bleiben, aber in München kannst du dich nur wohlfühlen“, so die 31-Jährige. Beim TSV Neubiberg Ottobrunn 1920 hatte sie schnell eine neue sportliche Heimat gefunden. Über die Regionalliga-Mannschaft fand sie in der Saison 2016/2017 den Weg in die erste Mannschaft und somit in die Zweite Bundesliga.
Und dort sorgte sie auch gleich für positive Ergebnisse und Schlagzeilen. So titelte selbst die „Süddeutsche Zeitung“ zuletzt doch etwas provokant: „Neubibergs Nicole Schnurrer hat im Badminton-Mixed die Hosen an“. Ihrem Mixed-Partner Lucas Böhnisch wird das nicht gefallen haben. Aber: „Er ist 20 Jahre alt, braucht manchmal auf dem Platz eben etwas Führung, agiert phasenweise noch zu ungestüm. Er nimmt das hin, denn wir verstehen uns super. Und er weiß auch, dass er noch sehr viel Positives über sich lesen wird“, sagt die Doppelspezialistin.

Im Einzel agiert sie seit geraumer Zeit nicht mehr. „Da bin ich in Rente gegangen. Teilweise sind die Gegnerinnen zwölf Jahre jünger und schlichtweg schneller. Ich fokussiere mich aufs Doppel und Mixed. In der Zweiten Liga ist das Spiel viel schneller und intensiver als in der Regionalliga.“ Und schließlich sei sie bereits jetzt eine der ältesten Spielerinnen der Liga. Das wiederum macht sie mit positiver Ausstrahlung, Erfahrung in engen Spielsituationen und ihrer Reaktionsschnelligkeit am Netz wieder wett. „Badminton ist einfach meine Leidenschaft. Diese Sportart ist variantenreich und eine extreme Kopfsache.“
Und wenn einige Herren der Schöpfung aus ihrem Bekanntenkreis Badminton belächeln und mit Federball verwechseln, dann bittet sie das vermeintlich starke Geschlecht gern auch mal zum direkten Schlagabtausch aufs Feld. Ein schelmisches Grinsen kann sie sich dabei nicht verkneifen: „Da hat schon manch Kerl eine Kiste Bier verloren, der damit im Vorfeld gewiss nicht gerechnet hatte.“

Da ist sie also, die Rücksichtslosigkeit eines Kolonialherren, die Menschenkenntnis eines Staubsaugervertreters und die psychische Härte eines Arktisforschers…